Meine Lese-Lieblinge 2017

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Autorinnen sind auch Leserinnen - daher stelle ich hier die Bücher vor, die mich 2017 am meisten angesprochen haben. Insgesamt waren es in diesem Jahr 35 Bücher (ein paar wenige davon habe ich abgebrochen).

Gleichzeitig möchte ich eine Lanze für Bibliotheken brechen. Geht hin, entdeckt Bücher, die nicht mehr so aktuell sind! Bibliotheken bieten ein so breites Spektrum, da kommt kein Massen-Buch-Kaufhaus hin.

 

Jakobs Mantel - Eva Weaver

Ich weiß nicht, was ich mir von einem Roman über das Warschauer Ghetto im 2. Weltkrieg erwartet habe ... Jedenfalls wusste ich davor relativ wenig zum Thema. Mika erbt den 'Taschen-Mantel' seines Großvaters, nachdem der von den Deutschen (den Ratten, wie Mika sie nennt) erschossen wird, und dessen Puppen - und wird zum Puppenspieler von Warschau. Ein Deutscher entdeckt ihn, so muss er fortan für die Besatzer spielen ... großartiges Buch, das über die jüdischen Polen ebenso erzählt wie über einen deutschen Soldaten und seine später entstehenden Zweifel über das, was er da getan hat. Die Geschichte hat einen tollen Bogen bis in die heutige Zeit, zu den Nachkommenden von damals.

 

Thematisch irgendwie im selben Spektrum angesiedelt, aber auf einer völlig anderen Ebene:

Und was hat das mit mir zu tun - Sacha Batthany

Der Schweizer Journalist wird durch einen Artikel mit der Geschichte seiner Familie konfrontiert, ausgehend vom Massaker von Rechnitz (östliches Österreich) in den letzten Kriegstagen 1945, an dem seine (angeheiratete) Tante beteiligt war. Anstatt aber zu sagen 'Ja, was hat das schon mit mir zu tun, das ist lange vor meiner Geburt gewesen' beginnt Batthany zu forschen ... ausgehend von Rechnitz über die Geschehnisse in Ungarn und zur Gefangenschaft des Großvaters in Sibirien bis zu einer Reise nach Argentinien. SCHWERE LESE-EMPFEHLUNG. Denn letztlich hat alles, was früher geschah, auch mit uns zu tun ... so oder so. Auch spannend für unsere Generation und die davor (Zitat): "Wer nicht mindestens ein paar Verwandte im Krieg verloren, wer nie miterlebt hatte, wie eine fremde Besatzungsmacht, seien es Deutsche oder Russen, alles umstürzte, der durfte nicht von sich behaupten wirklich etwas vom Leben zu verstehen. Leid war die Währung, Glück und Idylle zählten nicht."

 

Die Kinder von Wien - Robert Neumann

Noch was zum Thema (Nach-)Kriegzeit. Eine Geschichte über ein Grüppchen Kinder im zerbombten Wien der direkten Nachkriegszeit - die Sprache genauso zerstückelt und kaputt wie die Seelen der Überlebenden.

Ursprünglich 1946 auf Englisch veröffentlicht, nachdem Neumann ins Exil ging. Später von ihm selbst in einer deutschen Fassung herausgebracht. Die Neuauflage stammt aus der "Anderen Bibliothek" und ist auch optisch ein Genuss.

 

Alfie kehrt heim - Rachel Wells

Komplett anders: ein süßes Katzenbuch!

 

Die letzten Tage von Rabbit Hayes - Anna McPartlin

Ich bin eine Weile um das Buch herumgeschlichen, nachdem es mir empfohlen wurde ... Brustkrebs als Thema, puh, eine Freundin ist daran gestorben. Aber auf der letzten Seite war ich verdammt froh, es gelesen zu haben. Bei aller Tragödie, bei allem Abschied ist es ein tröstliches Buch. Über Menschen, die zusammen halten und Menschen, die zusammen gehören. Und die Prise Respektlosigkeit und Witz machte es gut auszuhalten trotz des Themas.

 

Pierre Jarawan - Am Ende bleiben die Zedern

Wieder die Themen Familie und Krieg, diesmal geht es allerdings um den Libanon, den dortigen Bürgerkrieg und eine nach Deutschland geflohene Familie. Der Sohn sucht heute seinen vor vielen Jahren verschwundenen Vater und bereist deswegen erstmals den Libanon. Der dortige Bürgerkrieg und die gegenwärtige Situation war mir nicht besonders gut bekannt und man erfährt neben einer interessanten Spurensuche auch einiges über das Land, die Leute und die Konflikte zwischen Christen und Moslems. In Erinnerung ist mir eine Szene besonders: Ein wieder hergerichteter Park bleibt geschlossen, weil sonst womöglich Christen und Moslems hingehen und drauf kommen könnten, dass sie miteinander auskommen könnten - was die (immer noch) verfeindeten Lager ihrer Natur gemäß nicht wollen. Sagt so viel über das Wesen von Konflikten aus, wer sie erzeugt - und über die 'einfachen Leute', die mitunter ganz anders denken und fühlen.

 

Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit - Lili Grün

Höchste Zeit für eine Wiederentdeckung dieser Autorin der 30er-Jahre, die glücklicherweise vom Aviva Verlag neu aufgelegt wird - eine Zeitgenossin Irmgard Keuns, für die ich auch gleich eine Empfehlung mitgebe.

 

Ein Mann namens Ove - Fredrik Backman

Zuerst war der Film im Sommerkino, dann das Buch - und was soll ich sagen? Das Buch ist noch witziger als die Verfilmung! Witzig mit ernstem Hintergrund, auch nichts für schwache Nerven.

 

Trümmerkind - Mechthild Borrmann

Dieses Jahr hatte ich es wirklich mit der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die spannende Geschichte einer Flucht aus dem Osten und der sogenannten Trümmermorde in Hamburg sowie einer (na, wer errät es?) familiären Spurensuche Jahrezehnte später, nämlich 1992. Die Trümmermorde sind tatsächlich geschehen und wurden nicht nur nie aufgeklärt, man hat nicht einmal die Ermordeten identifiziert, was die Autorin sehr berührte und zur Erzählung inspirierte.

 

Dina Nayeri - Ein Teelöffel Land und Meer

Noch was aus dem Themenbereich 'Naher Osten', konkret aus dem Iran seit der islamischen Revolution. Im Mittelpunkt stehen Zwillingsschwestern, eine ist tot bzw. verschwunden und auch die Mutter gilt als verschollen. Ergänzung: Dina Nayeris interessante Webseite mit Bildern aus ihrer Familiengeschichte!

 

Gudrun Lerchbaum - Lügenland

Harter Tobak & angesichts der politischen Situation in Österreich bedrückend aktuell: Ein Land wird seit einiger Zeit von Populisten regiert, alle und alles wird überwacht ... eine ehemalige Milizionärin ermordet eine Freundin und muss flüchten. Nun mache man das mal in so einer Situation. Warum der Roman nicht den Glauser-Preis bekommen hat, ist mir unverständlich.

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